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Medical reversal
Vinay Prasad , Knight Cancer Institute | Oregon Health and Sciences University

Von einem Medical Reversal spricht man, wenn eine neue klinische Studie geläufige klinische Verfahren in Frage stellt. Diese „medizinische Neuausrichtung“ betrifft häufig Verfahren, die als Innovationen präsentiert werden, aber kurze Zeit darauf im Lichte neuer, robuster Daten als obsolet gelten. Wir haben mit Prasad gesprochen, der diesem Thema eine Reihe von Artikeln und ein Buch gewidmet hat.

Medical Reversal

Mit dem Begriff “Medical Reversal” bezeichnen wir eine Reihe von weit verbreiteten medizinischen Verfahren, die Ärzte oder Gesundheitssysteme im großen Rahmen angewendet haben. Die aber, wie sich später herausstellt, keinen besonderen Nutzen brachten oder mehr schadeten als nutzten. Es gibt zahlreiche Beispiele für Medical Reversals, von der Hormonersatztherapie bis zur autologen Stammzellentransplantation bei Brustkrebs. Es sind so viele, dass wir ein Buch mit dem Titel „Ending Medical Reversal“ geschrieben haben.

Schäden durch “Medical Reversals”

Ich denke, dass hier im wesentlichen drei negative Folgen zu nennen sind. Die erste ist, dass die Menschen, die im Laufe der Jahre mit der betreffenden Therapie behandelt wurden, keinen klaren Nutzen durch sie haben. Die zweite betrifft die Latenzzeit in der Medizin. Die Medizin ist schwerfällig wie ein Schlachtschiff, sie verändert sich nicht im Handumdrehen. Man muss mit einem Zeitraum von mindestens zehn Jahren rechnen, in denen weitere Patienten Schaden erleiden, weil das zur Diskussion stehende Verfahren nicht aufgegeben wurde. Und die dritte schädliche Folge hat mit dem Verlust von Vertrauen in die Ärzte und das Gesundheitssystem zu tun. Es gibt zahlreiche Kräfte, die nur darauf warten, das mangelnde Vertrauen in bewährte medizinische Verfahren zugunsten unbewiesener Therapien auszunutzen. Medical Reversals unterminieren das Vertrauen der Allgemeinheit in die Medizin.

Wie kann man vermeiden, dass es so viele Fälle von Medical Reversal gibt?

Ich denke, bei eingehender Betrachtung aller Reversals erkennen wir als Schlüsselelement, dass wir medizinische Verfahren anwenden, denen der wissenschaftliche Nachweis fehlt, dass sie das bewirken, was wir von ihnen erwarten. In allen Fällen haben wir diese Verfahren ohne robuste Evidenzbasis eingeführt: allein auf der Grundlage von Pathophysiologie, Beobachtungsstudien, epidemiologischen oder Vorher-Nachher-Studien anstatt auf der Basis von sorgfältig ausgeführten kontrollierten randomisierten Studien. Der Anteil an Medical Reversals kann also dadurch gesenkt werden, dass wir zuverlässigere wissenschaftliche Belege verlangen, bevor wir neue medizinische Verfahren anwenden.

Schnellere Zulassungsverfahren von Medizinprodukten und Medical Reversals

Je niedriger die Standards für die Zulassung eines Arzneimittels oder eines Medizinprodukts sind und je geringer die Wirksamkeit, die im Vorfeld belegt werden muss, desto eher stellt sich im Folgenden heraus, dass dieses Produkt nicht das getan hat, was es tun sollte. Wir beobachten, dass es einen unglaublichen Druck gibt, die Standards für die Zulassung von Arzneimitteln und Medizinprodukten zu senken, insbesondere in Ländern wie den Vereinigten Staaten. Es steht zu befürchten, dass wir dafür auf längere Sicht einen Preis bezahlen werden, und zwar, viele medizinische Verfahren anzuwenden, die sich später als unwirksam herausstellen.

Die Beziehung zwischen Medical Reversals und Übertherapie

Ich denke, ein Medical Reversal liegt dann vor, wenn man feststellt, Jahr für Jahr etwas getan zu haben, das nicht das erwartete Ergebnis brachte: Das ist die klarste Form von Übertherapie. Jeder Patient, der einem solchen Verfahren ausgesetzt war, wurde überbehandelt. Er hat eine Therapie erhalten, von der keinerlei Nutzen zu erwarten war. Deswegen würde ich sagen, dass Medical Reversal eine Form von Übertherapie ist. Nicht die einzige, aber eine bedeutende und beunruhigende Form.

Die “Choosing Wisely”- Bewegung

Ich bin ein überzeugter Anhänger von Kampagnen wie “Choosing Wisely”, “Too Much Medicine” des British Medical Journal und “Less is More” von Jama Internal Medicine. Alle diese Initiativen schaffen meiner Ansicht nach ein Bewusstsein für die Tatsache, dass es zahlreiche medizinische Verfahren gibt, die nicht das bewirken, was wir von ihnen erwarten, und mehr schaden als nutzen oder nur geringen Nutzen für einige wenige Personengruppen bringen. Ich wünsche mir, dass in Zukunft Kampagnen wie Choosing Wisely noch weiter gehen und noch mehr medizinische Verfahren aufzeigen, die fälschlicherweise angewendet werden. Ich finde, wir haben wunderbare erste Schritte getan, und ich würde mich freuen, in Zukunft noch weitere zu sehen.

 

 
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Letzte Aktualisierung:02/08/2019  - Alle Rechte vorbehalten © 2014
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