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Choosing Wisely: Weise Entscheidungen treffen... auf der Suche nach Angemessenheit
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Paola Zimmermann, Referentin für das Gesundheitswesen im Dachverband für Soziales und Gesundheit der Autonomen Provinz Bozen und Rete Nord-Est, Slow Medicine

Was halten Sie von Initiativen wie Choosing Wisely?
In Zeiten der Spending Review, an die wir uns gewöhnen und mit der wir wahrscheinlich noch lange leben müssen, halte ich die Universalität und auch die Fairness unseres Gesundheitssystems für zunehmend gefährdet. Die Initiative Choosing Wisely, die von Slow Medicine nach Italien gebracht und in "Mehr tun bedeutet nicht besser tun" umbenannt wurde, geht in diese Richtung: Sie versucht, Alternativen zu den wahllosen Mittelkürzungen zu bieten, das Augenmerk auf Rationalisierung statt auf Rationierung zu richten. Das Projekt gefällt mir gut, gerade auch, weil es von einem Netzwerk medizinischer Fachleute entwickelt und gefördert wurde, und das ist, finde ich, lobenswert. Sie haben erkannt, dass wir den Kurs ändern, den Trend umkehren müssen, und versuchen folglich, zusammen mit den wissenschaftlichen Gesellschaften, aber auch mit der Bevölkerung, den BürgerInnen und PatientInnen, Alternativen auszuarbeiten. Ich mag den Ansatz, weil er auf einer Gesamtbeteiligung sowohl des Gesundheitspersonales als auch der Bürgerschaft und Patienten beruht.

Haben solche Initiativen zur Förderung angemessener Praktiken Ihre berufliche Tätigkeit in irgendeine Weise beeinflusst oder zu einer Veränderung beigetragen?
Mehr als eine Veränderung haben sie in mir wieder die Hoffnung geweckt, die einzuschlafen drohte. Sie haben meine Überzeugung gestärkt, dass eine universalistische und qualitativ hochstehende Medizin immer noch möglich ist. Man muss vorsichtig vorgehen, denn die Ermittlung von Praktiken mit einem Unangemessenheitsrisiko muss von der Mehrheit der Fachleute im Gesundheitsbereich geteilt werden. Die Praktiken müssen gut verstanden und kontextualisiert werden, und vor allem darf man keine Verallgemeinerung riskieren. Wir müssen auch gut erklären, worum es geht: Unangemessenheitsrisiko, Unzweckmäßigkeitsrisiko darf nicht als etwas „Falsches“, als ein Fehler angesehen werden. Nach der Ermittlung dieser Praktiken müssen verschiedene Maßnahmen auf Informations- und Ausbildungsebene ergriffen werden, und zwar nicht nur beim medizinischen Personal, sondern auch in der öffentlichen Verwaltung, bei Bürgerschaft und Patienten.

Worin besteht Ihr Engagement im Rahmen von Rete Nord-Est und Slow Medicine?
Es ist ein doppeltes Engagement, insofern als ich Mitglied von Slow Medicine bin und auf privater Basis angefangen habe, die Bewegung zu verfolgen. Die ersten drei Worte, die Slow Medicine mit Medizin assoziiert, nämlich einfach, respektvoll undfair, sind für mich Zauberworte, die auf jeden Fall Verbreitung finden sollten. Als Bürgerin und Nutzerin des Gesundheitsdienstes kann ich mich glücklich schätzen, dass die Medizin mich als Person respektiert und mir die Möglichkeit gibt, eine Behandlung auf der Basis nachgewiesener Wirksamkeit und ohne Verschwendung zu genießen. Beruflich bin ich in einem Dachverband beschäftigt, dem mehr als fünfzig Organisationen aus dem soziosanitären Bereich angeschlossen sind. Die Hälfte davon sind Patienten-Organisationen, weshalb mein Blick auf das Thema derjenige einer Privatperson ist. Aber auch, weil die Patienten und ihre Organisationen seit Jahren eine patientenzentrierte statt einer krankheitszentrierten Medizin einfordern. Sie soll korrekte und optimale medizinische Dienstleistungen erbringen, zur richtigen Zeit und gemäß den bestgeeigneten Modalitäten.

Wie kann man den Menschen helfen, „weise Entscheidungen“ zu treffen? Wie kann man sie einbeziehen?
Das bedingt einen nicht unwesentlichen kulturellen Wandel. Ich sehe hier auch die grundlegenden drei Worte: Vertrauen, Kommunikation undBeziehung. Die Bürgerinnen und Bürger besitzen ein verfassungsmäßiges Recht auf Gesundheit, folglich müssen ihnen alle notwendigen Informationen gegeben werden, damit sie „weise entscheiden“ können. Dies können sie aber nur tun, wenn eine kompetente, ehrliche Kommunikation herrscht und sie sich folglich verantwortungsvoll um die eigene Behandlung kümmern können. Vertrauen ist sicher das entscheidende Stichwort für ein persönliches therapeutisches Bündnis zwischen dem Patienten und seinem behandelnden Arzt.

Wie beurteilen Sie die Initiative in Bezug auf die Defensivmedizin?
Laut dem Präsident des Verbands AMAMI (Verband der Ärzte, die zu Unrecht wegen Behandlungsfehler angeklagt sind) greifen 70% der Ärzte zur Defensivmedizin. Insbesondere die Krankenhausärzte sind von diesem Phänomen betroffen, und dabei ganz besonders die Ärzte in der Notaufnahme sowie Orthopäden und Gynäkologen. Hier gilt dasselbe, was ich bereits gesagt habe, nämlich die Bedeutung der Information, der Beziehung... Und natürlich muss dem medizinischen Personal auch eine organisatorische Angemessenheit gewährleistet werden. Ihnen muss alles Notwendige zur Verfügung stehen, damit sie ihre Aufgabe optimal erfüllen können. Sie müssen Zeit haben, um mit den Patienten zu sprechen. Es ist keine Frage der Professionalität, doch manchmal treten Fehler auf, die nur möglich werden, weil die Zeit fehlt, um sorgfältiger zu arbeiten. Eine Rückgewinnung der verlorengegangenen Gelassenheit in der Beziehung zwischen Arzt und Patient ist mehr als willkommen.

 

 
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Letzte Aktualisierung:22/11/2019  - Alle Rechte vorbehalten © 2019
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