Kurze Monographie

Die KrankenpflegerIn gründet die eigene Tätigkeit auf nachgewiesene und aktuelle Erkenntnisse, um allen Menschen die bestmögliche Pflege und Betreuung gewährleisten zu können (Deontologischer Kodex der KrankenpflegerInnen: 3,1).

Der Ausdruck „Evidence-based Nursing“ (EBN) entstand Mitte der Neunziger Jahre, d.h. einige Jahre nachdem die Grundsätze der Evidence-based Medicine (EBM) formuliert worden waren. Inzwischen ist EBN in ihrer theoretischen und praktischen Ausprägung auf der ganze Welt tief ins Bewusstsein der Pflegekräfte eingedrungen. Die heutigen Ausbildungslehrgänge sind immer mehr auf den EBN-Gedanken ausgerichtet, und die Gesundheitsbehörden vieler Länder haben Arbeitsgruppen zur systematischen Neugestaltung der Pflegeberufe sowie zur Umsetzung der Forschungsergebnisse im klinischen Alltag geschaffen.

Fragen, die sich in der Pflegepraxis stellen

Täglich treffen KrankenpflegerInnen zusammen mit anderen Berufen des Gesundheitswesens Entscheidungen, die sich direkt auf das Wohl der Patienten auswirken. Die Fragen, die sich stellen sind: Worauf begründen die getroffenen Entscheidungen? Haben sie einen Nutzen für den Patienten? Verursachen sie gar vermeidbares Leid?

Auch Pflegeinterventionen, die keine Wirkung haben (also dem Patienten keine Verbesserung bringen aber auch keinen Schaden zufügen), sind insofern als negativ zu betrachten, da sie eine Ressourcenverschwendung bzw. eine falsche Verteilung von Ressourcen darstellen können. Hätten andere Patienten von diesen Zeitressourcen und Materialressourcen profitieren können?

Es ist bekannt, dass Verzögerungen bei der Verbreitung neuen Wissens sowie Unklarheiten über die Aussagekraft dieses Wissens vermeidbare Fehlorganisationen und auch Pflegefehler verursachen können (German Centre for Evidence-based nursing – GCEBN).

Es ist also unabdinglich, dass KrankenpflegerInnen kontinuierlich ihre Pflegepraxis hinterfragen. Nur wenn Fragen gestellt werden, können Antworten gesucht und gefunden werden. Aber wo und wie finden die Pflegenden das benötigte neue Wissen? Können sie diesem neuen Wissen vertrauen? Wie finden bestabgesicherte Forschungsergebnisse ihren Weg in die Pflegepraxis?

Werden diese Fragen und Momente von Unsicherheit von Pflegenden ernst genommen, kann der Kreislauf einer evidenzbegründeten Pflege beginnen.

Besonderheiten der Evidenz in der Pflege (-forschung)

Die Forschungsliteratur in der Pflege ist sowohl quantitativer als auch qualitativer Natur.
Qualitative Forschung hat sich in der Pflege schon seit vielen Jahren etabliert, da Fragen nach dem Warum und dem Wieso bzw. den Erscheinungsformen eines pflegerischen Phänomens (und nicht nur Fragen nach der Wirksamkeit einer Intervention) große Bedeutung haben. Diese Tatsache muss berücksichtigt werden, wenn von Evidenzhierarchie (effectiveness) die Rede ist. Die zur Zeit geltende spiegelt einen rein positivistischen Denkansatz wider und kann somit nicht einfach auf Studien mit einem qualitativem Ansatz übertragen werden.

Die unumstrittene Relevanz dieser Themen für die Pflegeberufe hat dazu geführt, dass einige Jahre lang eine heftige Diskussion über die Rolle der quantitativen Daten (d.h. hauptsächlich die Ergebnisse der kontrollierten klinischen Studien) und der qualitativen Daten (z.B. die über Fragebögen erfasste Wahrnehmung der Lebensqualität durch die Patienten) geführt wurde.

Diese Fragen sind jedenfalls noch lange nicht ausdiskutiert, vor allem was die Methoden zur Erfassung der so genannten „Patientenwerte” betrifft.
Obwohl die meisten Pflegekräfte grundsätzlich positiv zur EBN stehen, scheinen einer endgültigen und allgemeinen Durchsetzung der evidenzbasierten Pflege noch etliche Hindernisse im Wege zu stehen, und zwar auf zwei verschiedenen Ebenen:
Zum einen stellt man fest, dass manch ein Pfleger mit der Bewertung der klinischen Forschungsergebnisse noch nicht vertraut ist, selten Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit Kollegen hat und überhaupt wenig Vertrauen hegt, dass diese neue Methode bessere Ergebnisse in der Qualität der Patientenbetreuung mit sich bringen kann.
Zum anderen haben mehrere Studien nachgewiesen, dass in der heutigen Organisation der Gesundheitsdienste Pflegekräfte kaum über die nötige Zeit verfügen, um in Fachbibliotheken nachzuforschen, und dass Letztere ohnehin oft viel zu wenige Unterlagen für die spezifischen Belange der Krankenpfleger bieten.

Eine intensivere Pflegeforschung könnte demnach die Durchsetzung der EBN in den Pflegediensten wesentlich erleichtern und die Umsetzung spezifischer Strategien ermöglichen (s. Ciliska et al):

  • Motivation zur Benützung der Fachbibliotheken;
  • Spezifische Fortbildungsveranstaltungen für Pflegekräfte zur Vermittlung des Umgangs mit bibliographischen Online-Recherchen;
  • Diskussionsforen zur Vertiefung der Fachliteratur (so genannte Journal’s clubs);
  • Bessere Vernetzung zwischen arbeitenden Krankenpflegern und den im akademischen Unterricht tätigen Pflegekräften;
  • Vollständigere Ausstattung mit pflegespezifischer Fachliteratur (digital und auf Papier) in den medizinischen Bibliotheken;
  • Zugänglichkeit zu den wertvollsten Datenbanken (Cochrane Library, Clinical Evidence) auch für Krankenpfleger.
Literatur