Covid-19 beschränkt sich nicht auf die Lungen

Heute ist in Nature Medicine der erste ausführliche Review darüber erschienen, wie sich Covid-19 über die Lungen hinaus auf alle betroffenen Organe auswirkt.

„ÄrztInnen müssen Covid-19 als systemische Erkrankung betrachten“, erklärt Aakriti Gupta, einer der AutorInnen. „Es ist viel von Blutgerinnung die Rede, aber man muss sich darüber bewusst sein, dass ein guter Teil der PatientInnen Schäden an den Nieren, dem Herz und dem Gehirn erleidet und die ÄrztInnen diese zusammen mit der Atemwegserkrankung behandeln müssen“.

„In den ersten Wochen der Pandemie hatten wir es mit vielen thrombotischen Komplikationen zu tun, mehr als wir aufgrund unserer Erfahrung mit Viruserkrankungen erwartet hätten“, fährt Kartik Sehgal fort. „Sie können weitreichende Folgen für den Patienten haben“.

Nach Ansicht der WissenschaftlerInnen könnten die mit der Koagulation einhergehenden Komplikationen darauf zurückzuführen sein, dass das Virus die Zellen angreift, welche die Blutgefäße auskleiden. Wenn das Virus die Zellen der Gefäße angreift, verstärkt sich die Entzündung und das Blut beginnt, große und kleine Gerinnsel zu bilden. Diese Blutgerinnsel, die sich durch den gesamten Körper bewegen, richten Chaos in den Organen an und nähren den Teufelskreis der Entzündung.

Herz
Die Gerinnsel können Herzprobleme verursachen, allerdings greift das Virus das Herz auf andere Weise an, erklären die AutorInnen. „Derzeit ist der Mechanismus der Schäden am Herz nicht klar, da das Virus bei Autopsien nicht oft aus dem Herzgewebe isoliert wurde“.

Der Herzmuskel kann durch die systemische Entzündung und die damit verbundene Ausschüttung von Zytokinen geschädigt werden, einer Überschwemmung mit Immunzellen, die normalerweise die infizierten Zellen auslöscht, bei schweren Covid-19-Fällen jedoch der Kontrolle entgehen kann.

Trotz des Umfangs der Schäden am Herz, waren die ÄrztInnen nicht in der Lage, die diagnostischen und therapeutischen Strategien anzuwenden, darunter Herzbiopsien und –kathederuntersuchungen, die sie normalerweise während der ersten Phasen der Pandemie genutzt hätten, da sie das Personal und die PatientInnen vor der Übertragung des Virus schützen mussten. Die Situation hat sich verändert, als die Prävalenz der Krankheit in New York zurückgegangen ist.

Niereninsuffizienz
Eine weitere überraschende Entdeckung war der hohe Anteil an Covid-19-PatientInnen mit akuten Nierenschäden auf den Intensivstationen.

Der ACE2-Rezeptor, den das Virus nutzt, um in die Zellen einzudringen, findet sich in hohen Konzentrationen in den Nieren und könnte der Grund für die Nierenschäden sein. Studien aus China haben von Komplikationen an den Nieren berichtet, während die ÄrztInnen in New York City Niereninsuffizienz bei bis zu 50 % der IntensivpatientInnen festgestellt haben. „Etwa 5-10 % der PatientInnen brauchten eine Dialyse. Das sind sehr viele“, kommentiert Gupta.

Die Daten zu langfristigen Nierenschäden sind derzeit unzureichend, jedoch ist es wahrscheinlich, dass eine signifikante Anzahl von PatientInnen dauerhaft Dialyse benötigen wird.

Neurologische Manifestationen
Neurologische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Ermüdung und Verlust des Geruchssinns sind bei etwa einem Drittel der PatientInnen zu beobachten. Beunruhigend ist, dass die von Blutgerinnseln verursachten Schlaganfälle bei bis zu 6 % der schweren Fälle und Delir bei 8 bis 9 % auftreten.

„Es kann sein, dass Covid-19-PatientInnen 2-3 Wochen künstlich beatmet werden, ein Viertel sogar 30 Tage oder länger“, fährt Gupta fort. „Das ist eine lange Zeit und die PatientInnen müssen stark sediert werden.“ Delir bei IntensivpatientInnen „war schon vor COVID wohlbekannt und die Halluzinationen könnten eher auf die lange Sedierung als auf das Virus selbst zurückzuführen sein“.

„Dieses Virus ist ungewöhnlich und man kommt kaum darum herum, einzuhalten und festzustellen, wie unterschiedlich es sich im menschlichen Körper manifestiert“, ist die lakonische Schlussfolgerung der AutorInnen des Reviews.

Fonte

Gupta A. Extrapulmonary manifestations of COVID-19. Nat Med 2020;26(7):1017-1032.