Ist das Epstein-Barr-Virus der Schlüssel zum Verständnis von Multipler Sklerose?

Eine Studie hat einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus und Multipler Sklerose (MS) bestätigt und legt nahe, dass EBV die Hauptursache für diese chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems sein könnte.

In der Studie mit einer Kohorte von mehr als zehn Millionen junger Erwachsener, die aktiven Dienst in der US-Army leisten, wurden 955 Fälle von MS identifiziert. Die Forschenden stellten fest, dass nach einer EBV-Infektion ein 32mal höheres Risiko von MS bestand. Dabei ist wichtig anzumerken, dass dieses erhöhte Risiko in Bezug auf andere Viren, einschließlich des Citomegalovirus (CTM), nicht beobachtet wurde.

Für das bessere Verständnis des zeitlichen Zusammenhangs zwischen der EBV-Infektion und dem Auftreten von MS wurde die Konzentration der Serum-Neurofilament-Leichtketten (sNfL) gemessen, eines Biomarkers für axonale Schäden. Die Ergebnisse zeigten, dass die Konzentration von sNfL erst nach der Serokonversion von EBV anstieg, d.h. die Infektion dem erfassbaren Pathomechanismus von MS vorausgeht. Weitere Analysen ergaben, dass die Serokonversion von EBV im Mittel 7,5 Jahre von dem Auftreten der ersten Symptome von MS stattfand.

Die Ergebnisse stützen die These, dass EBV eine kausale Rolle bei MS spielt, und gehen über frühere Nachweise hinaus, die ein höheres Multiple-Sklerose-Risiko nach der infektiösen Mononukleose und hohen EBV-Antikörper-Werten bei den betroffenen Patient:innen anzeigten. Die große Verbreitung von EBV, mit dem ca. 95 % der Erwachsenen infiziert sind, erschwerte bis jetzt umfassende Langzeitstudien. Dank der großen Zahl an Serumproben im Archiv des Department of Defense Serum Repository (DoDSR), und zwar mehr als 62 Millionen Proben von zehn Millionen Menschen, wurde dieses Unterfangen jetzt hingegen möglich.

Die Feststellung von EBV als Hauptursache von Multipler Sklerose eröffnet neue Perspektiven für die Prävention und die Behandlung dieser Krankheit. Die Aufnahme von MS in die Liste der Krankheiten, denen eine Impfung gegen EBV entgegenwirken könnte, gibt der laufenden Forschung für die Entwicklung dieser Impfstoffe, die sich im Moment vor allem auf die Prävention der infektiösen Mononukleose und von Posttransplantationslymphomen konzentriert, weiteres Gewicht. Darüber hinaus verweisen die existierenden MS-Therapien wie monoklonale Antikörper gegen CD-20, die die B-Zellen (der wichtigste Sitz der latenten EBV-Infektion) entfernen, und die ersten Ergebnisse mit der T-Zell-Therapie, darauf, dass das Virus MS nicht nur verursachen, sondern sich auch auf den klinischen Verlauf auswirken könnte. Es besteht also die Möglichkeit, dass der Krankheitsverlauf durch spezifische antivirale Medikamente gegen EBV beeinflusst werden kann.

Quelle

Kjetil Bjornevik et al. ,Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. Science375,296-301(2022).DOI:10.1126/science.abj8222