Onkologische Patient:innen, die an klinischen Studien teilnehmen, haben keinen Überlebensvorteil

Eine in JAMA erschienene Meta-Analyse stellt die verbreitete Überzeugung in Frage, dass die Teilnahme an klinischen Studien in der Onkologie gegenüber der Routineversorgung mit größeren Überlebenschancen einhergeht. Entgegen der Auffassung, dass klinische Studien eine „hochwertige“ Behandlung und den Zugang zu innovativen Therapien und herausragenden Spezialist:innen bieten, konnte die Studie in Bezug auf die Überlebensrate keine signifikanten Unterschiede zwischen den Teilnehmer:innen an klinischen Studien und Patient:innen finden, die eine onkologische Routinebehandlung erhielten.

In der Meta-Analyse wurden 39 Studien untersucht, die 85 Vergleiche von Teilnehmer:innen an klinischen Studien und Patient:innen in der Routineversorgung umfassten. Zu Beginn schienen die Ergebnisse auf einen gewissen Überlebensvorteil der Studienpopulation hinzudeuten, der jedoch verschwand, als nur die qualitativ hochwertigen Studien betrachtet wurde. Bei den hochwertigen Studien wurden Komorbiditäten, Ethnie und Tumorstadium als Einflussfaktoren berücksichtigt.

Das begleitende Editorial in JAMA zeigt die potenziellen Belastungen und die Fragen auf, die Patient:innen abwägen müssen, wenn sie sich zur Teilnahme an einer klinischen Studie entscheiden, vor allem, wenn ihre Lebenserwartung begrenzt ist. Das Editorial hebt hervor, dass für klinische Studien häufig die „gesündesten unter den Kranken“ ausgewählt werden, was zur Folge hat, dass die Ergebnisse  besser erscheinen, während die tatsächliche Anwendung der Therapien nicht zu den gleichen Ergebnisse führen könnte.

Obgleich es keinen signifikanten Überlebensvorteil gibt, nehmen viele Patient:innen an klinischen Studien teil. Die Gründe sind vielfältig, darunter Altruismus, der Wunsch, zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen und die Hoffnung, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, die in einer ähnlichen Situation sind. So können das von Studien vermittelte Gemeinschaftsgefühl und das Gefühl von Unterstützung viele zu einer Teilnahme bewegen.

Auf der anderen Seite sind die Ergebnisse dieser Studie beruhigend für die Menschen, die wegen logistischer Probleme oder weil sie ungeeignet sind, nicht teilnehmen können. „Unsere Ergebnisse sollten diese Patient:innen versichern, dass sie unter medizinischen Gesichtspunkten nicht benachteiligt sind, zumindest was das Überleben angeht, nur weil sie an keiner Studie teilnehmen können“, erklärt Jonathan Kimmelmann, einer der Studienautoren.

Kurz gesagt, die Forscherinnen und die Autoren des Editorials stellen fest, dass klinische Studien zwar eine große Bedeutung für den Fortschritt der medizinischen Kenntnisse und die Weiterentwicklung von Therapien haben, jedoch die Vorstellung, dass sie in Bezug auf das Überleben immer besser sind, überdacht werden muss. Das Mantra „Eine Studienteilnahme ist die beste Therapieoption“ sollte aufgegeben werden, schließen sie, damit die Patient:innen ihre Entscheidungen ausgehend von der Kenntnis der potenziellen Vor- und Nachteile treffen können.

Quelle

Wilson BE et al. Study participants, future patients, and outcomes that matter in cancer clinical trials. JAMA 2024;331(24):2081-2083.