Frühe Kindheit, Wortschatz und ADHS

Der Umfang des Wortschatzes in der frühen Kindheit scheint nach einer kürzlich publizierten Studie mit dem Auftreten von ADHS und ASD verbunden zu sein.

Die frühe sprachliche Entwicklung ist ein bedeutender prädiktiver Faktor für die spätere Sprach-, Lese- und Lernkompetenz von Kindern. Ferner korrelieren Schwierigkeiten beim Spracherwerb mit Störungen der neuronalen Entwicklung wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus-Spektrum-Störungen (ASD).

Gewöhnlich beginnen Kinder im Alter zwischen zehn und fünfzehn Monaten zu sprechen. Mit etwa zwei Jahren sind sie in der Lage, 100 bis 600 Wörter zu benutzen, verstehen aber sehr viel mehr. Jedoch ist die sprachliche Entwicklung von Kindern sehr unterschiedlich, mit großen individuellen Unterschieden.

Um zu verstehen, welche Rolle die Genetik bei der Entwicklung des Wortschatzes und des Sprachverständnisses von Kindern spielt, führte das Forscherteam eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) über den Wortschatz von Kleinkindern im Alter von 15-18 Monaten und Kindern zwischen 24-38 Monaten durch. Der Umfang des Wortschatzes wurde mit Hilfe der Eltern gemessen, die anhand einer Wortliste angaben, welche Wörter ihre Kinder benutzen und/oder verstehen. Verwendet wurden die genetischen Daten und Daten zum Wortschatz von 17 298 Kindern englischer, dänischer und holländischer Muttersprache.

Zu den Endpunkten im auf die frühe Kindheit folgenden Leben gehörten die Alphabetisierung (Orthographie, Lesekompetenz und Kenntnis der Phoneme), die kognitiven Fähigkeiten (allgemeine Intelligenz und Schulbildung) und der Verlauf der neurologischen Entwicklung (genetisches Risiko für ADHS und ASD sowie damit verbundene Symptome, die bei einigen der untersuchten Kinder beobachtet wurden)

Das Team stellte unter anderem fest, dass ein größerer aktiver Wortschatz im frühen Kindesalter genetisch mit einem höheren Risiko für ADHS und einer größeren Anzahl von ADHS-Symptomen assoziiert war. Dagegen kehrte sich dieser genetische Zusammenhang in den folgenden Jahren um: Eine geringere Anzahl von verstandenen Wörtern war mit einer höheren Anzahl von ADHS-Symptomen verbunden. Es kann sein, dass im frühen Kindesalter, wenn die Kinder sprechen lernen, die Menge der gesprochenen Wörter die Spracheprozesse einnimmt.

Darüber hinaus ist es möglich, dass Kinder mit einem höheren genetischen Risiko für ADHS dazu neigen, sich mehr zu äußern. In der Phase des „Sprechens, um zu lernen“ hingegen, wenn der Wortschatz mit Kognition verbunden ist, kann ein höheres genetisches ADHS-Risiko mit geringeren sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten assoziiert sein.

Quelle

Verhoef E et al. Genome-wide analyses of vocabulary size in infancy and toddlerhood: associations with attention-deficit/hyperactivity disorder, literacy, and cognition-related traits. Biol Psychiatry 2023:S0006-3223(23)01757-2.

Tags: